Meisterwerk entdeckt: Arshile Gorky zählt zu den Mitbegründern des Abstrakten Expressionismus. Bei einer Restaurierung wurde ein spätes Gemälde gefunden. Eine Sensation. Von Gerhard Mack
Manchmal hilft der Zufall.

Als die Nachlassverwaltung von Arshile Gorky Ende 2020 ein Werk zur Restaurierung brachte, entdeckten die Experten unter dem Bild ein zweites Gemälde: Das Werk «The Limit» von 1947 war auf Papier gemalt, das auf einer Leinwand befestigt war. Auf der Rückseite dieser Leinwand waren Farbtupfer zu sehen, die unmöglich von dem sichtbaren Bild stammen konnten. Es war Corona-Flaute, man hatte Zeit, der Nachlass stimmte zu, weiter nachzuforschen, was es mit dieser Farbe auf sich hatte. Immerhin hatten die beiden Töchter des 1948 verstorbenen Künstlers schon länger die Vermutung, dass sich unter dem vielbeachteten Werk «The Limit» etwas Gemaltes befinden musste: Wo der Klebstreifen, der das Papier am Keilrahmen befestigte, am Rand etwas abstand, war Farbe zu sehen.
Vorsichtig lösten die Restauratoren die Klebstreifen ab und sahen, dass die Leinwand direkt bemalt war. Das Papier war nur an den Rändern befestigt und liess sich
leicht abnehmen, Beschädigungen konnten vermieden werden. Zum Vorschein kam
ein neues Gemälde. Arshile Gorky hat es vermutlich überklebt, weil er nicht genügend Keilrahmen im Atelier hatte. Vielleicht aus Geldmangel, vielleicht aber auch, weil er sich in den Jahren 1946/47 in einem Schaffensrausch befand und einfach weiterarbeiten wollte, ohne sich gross um die Materialbeschaffung zu kümmern.
Knapp dem Genozid entronnen
Die Entdeckung ist eine Sensation, Gorky ist immerhin einer der zentralen Maler der
New Yorker Abstrakten Expressionisten, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Siegeszug der amerikanischen Kunst begründet haben. Er wurde um 1904 als Vosdanig Adoian in einem armenischen Dorf im osmanischen Reich geboren und entkam nur knapp dem Genozid, dem eine Million Armenier zum Opfer fielen. Seine Mutter starb auf der Flucht an Erschöpfung. Das Trauma hat Gorky in frühen Bildern dargestellt. 1920 kam er in den USA zunächst bei Verwandten unter, 1924 ging er nach New York, änderte seinen Namen und arbeitete sich weitgehend als Autodidakt durch die Kunstgeschichte.
Im Metropolitan Museum kopierte er Werke der Weltkunst, angefangen von den frühen Ägyptern. Er setzte sich mit Cézanne, den Surrealisten, Roberto Matta und vor allem mit Picasso auseinander. André Breton bezeichnete ihn als den «letzten surrealistischen Maler». Gorky galt lange als Brücke zwischen dem Surrealismus und dem New Yorker Abstrakten Expressionismus. Er ist aber weniger ein Vorläufer als ein Zeitgenosse von Jackson Pollock und Willem de Kooning, mit dem er befreundet war und den er beeinflusst hat. In den späten 1940er Jahren fand Arshile Gorky seine eigene Bildsprache, die in den beiden Bildern hervorragende Beispiele hat.
Beide sind mit den zugehörigen Zeichnungen nun bei der Galerie Hauser & Wirth
in Zürich erstmals in Europa zu sehen. Ist das Bild «The Limit» vorwiegend in Tönen von Grau und Grün gehalten, die uns beim Betrachten eher entgegenkommen, so lädt das neu aufgefundene Werk «Ohne Titel (Virginia Summer)» von 1946–1947 dazu ein, in es zu versinken. Dünne Lagen von Blau schaffen einen hellen Raum, in den wir den Blick fallen lassen können, wie in einen wolkenlosen Sommerhimmel. Die Pinselbewegungen reissen immer wieder auf und zeigen, was sie meist verbergen: biomorphe Formen in lebhaften Rot-, Gelb- und Orangetönen.