1720 Michel Serre – Scène de la peste à la Tourette, Montpellier, musée Atger

Orgien während der Grossen Pest? «Da kam nicht jeder rein»

Ende der Pandemie Die Pest von 1348 soll die Menschen zu sexuellen Ausschweifungen getrieben haben. Stimmt das? Und stehen auch nach Corona Exzesse an? Historiker Volker Reinhardt weiss mehr.

Andreas Tobler

Herr Reinhardt, nach der Grossen Pest soll es zu Orgien gekommen sein. So lautet zumindest ein Gerücht, das im Netz kursiert. Kam es nach 1348 tatsächlich zu solchen Ausschweifungen?

Nach der Grossen Pest gab es so etwas überhaupt nicht, was auch damit zu tun hat, dass damals totale Erschöpfung herrschte: Wir können uns die Angst kaum vorstellen, in der die Menschen damals gelebt haben müssen. Denn es starb ungefähr ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung. Das ist eine Mortalitätsrate, die jene der Corona-Pandemie um ein Vielfaches übertrifft. Mit dem Abklingen der Pest kamen weite Bereiche des wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens teilweise zum Erliegen.

Die Menschen waren nach dem Ende der Grossen Pest also nicht erleichtert, sondern in grosser Not?

Genau, es kam zu einer Art kollektivem Burn-out. In Analogie zu Long Covid könnten wir es als ein Long-Pest-Syndrom bezeichnen, das mehrere Jahre nachwirkte. Da kam keine Fröhlichkeit auf, die zu Orgien animiert. Ich habe denn auch in keiner Quelle einen Ausdruck von Dankbarkeit nach dem Ende der Grossen Pest gefunden. Im Gegenteil: Man war voller Wut und Ressentiments – auf die Geistlichen, die aus Angst vor der Pest oftmals die Menschen im Stich gelassen und den Sterbenden die Sakramente verweigert hatten. Neid und Wut gab es aber auch auf die Nachbarn, die in der damaligen Pandemie möglicherweise besser davongekommen waren.
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Quelle

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